{"id":292,"date":"2012-04-22T17:26:58","date_gmt":"2012-04-22T17:26:58","guid":{"rendered":"http:\/\/website.harrietgross.com\/?page_id=292"},"modified":"2012-04-22T17:29:08","modified_gmt":"2012-04-22T17:29:08","slug":"inframince-ein-konzept-eine-fantasie-ein-ort-der-kunst-uber-die-neueren-raumzeichnungen-von-harriet-gros","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.harrietgross.com\/?page_id=292","title":{"rendered":"Inframince \u2013 ein Konzept, eine Fantasie, ein Ort der Kunst? \u00dcber die neueren Raumzeichnungen von Harriet Gro\u00df"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Dr. Silke Feldhof<\/em><\/p>\n<p>Die Idee von etwas kaum Wahrnehmbaren, das in jenen R\u00e4umen oder Zust\u00e4nden eines Dazwischen nistet, die sich so schwer fassen lassen \u2013 diese Idee beschreibt der von Marcel Duchamp gepr\u00e4gte Begriff \u201ainframince\u2019 [1] Der Akt des Vergessens ist <em>inframince, <\/em>die Nach-W\u00e4rme eines Stuhls, von dem gerade eine Person aufgestanden ist, der Raum zwischen einer Recto- und einer Verso-Seite eines Blattes Papier. In einer 46 Punkte umfassenden Explikation zu dem Theorem <em>inframince <\/em>schrieb Duchamp unter anderem: \u201eLe possible impliquant le devenir \u2013 le passage de l\u2019un \u00e0 l\u2019 autre a lieu dans l\u2019 infra mince.\u201c, also: \u201eThe possible, implying the becoming \u2013 the passage from one to the other takes place in the infra-thin\u201c, wie Paul Matisse ins Englische \u00fcbersetzte. [2]\u00a0<em>inframince <\/em>meint mithin einen Raum oder Zustand und ebenso deren mentale Abdr\u00fccke in der Imagination der Betrachter.<\/p>\n<p>Damit benennt <em>inframince <\/em>eine Wahrnehmung, die \u00fcber das visuelle Erfassen hinausgeht. Wir erg\u00e4nzen das, was wir sehen, mit Wissen und Imagination. Damit stellen wir dem Gesehenen Bedeutung zur Seite \u2013 eine Bedeutung, die unsichtbar ist, nichtsdestotrotz pr\u00e4sent und aufs Engste mit dem Gegenstand der Betrachtung verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Ein solches <em>inframince <\/em>spannt Harriet Gro\u00df in ihren Zeichnungen auf; sie spielen im schwer bestimmbaren Dazwischen von Bild und Raum, von Wirklichkeit und Fiktion, von Ratio und Emotio. Ihr k\u00fcnstlerisches Thema ist der \u201aRaum\u2019 in seinen unterschiedlichen Qualit\u00e4ten und ihre Werke kann man vielleicht am besten mit dem weit gefassten Begriff von \u201aRaumzeichnung\u2019 beschreiben. Diese Raumzeichnungen realisiert sie in unterschiedlichen Materialien und einem breiten Formenrepertoire.<\/p>\n<p>Zum einen sind dies Zeichnungen von Raumsituationen, die Harriet Gro\u00df in Papier oder Metallfolie schneidet. Die Bearbeitung des Materials und die Pr\u00e4sentation der Schnitte mit einem Abstand zur Wand transformieren das urspr\u00fcnglich zweidimensionale Format Cut Out zu einem Objekt, das Raum einnimmt und definiert. Eindr\u00fccklich sichtbar wird dies am \u201aSchattenraum\u2019, der durch den Schattenwurf der Schn\u00fcre und Schnitte auf der Wand entsteht<\/p>\n<p>Zum anderen finden wir in ihrem Werk Wandzeichnungen, die sie nach dem verwendeten Zeichenmaterial \u201eSchnurzeichnungen\u201c nennt: oftmals wandf\u00fcllende und sich \u00fcber Kanten und Ecken hinweg auf mehrere W\u00e4nde erstreckende Zeichnungen aus schwarzen Schn\u00fcren, die sie zwischen kleinen N\u00e4geln spannt. Diese geometrischen Liniengef\u00fcge erweitern den Raum, den sie auf der Wand einnehmen, um minimalistisch-konstruktive R\u00e4ume. Diese gehen z.T. \u201ein die Wand hinein\u201c [3], z.T. l\u00f6sen sie sich von der Wand und entfalten sich in den Ausstellungsraum. In die Schnurzeichnungen integriert Harriet Gro\u00df ihre Schnitte, mitunter auch Drucke oder Fotos; sie fungieren dabei wie ein Ger\u00fcst f\u00fcr weitere Bedeutungstr\u00e4ger.<\/p>\n<p>Daneben pr\u00e4sentiert Harriet Gro\u00df in j\u00fcngster Zeit vermehrt Installationen. Mit verschiedenen Materialien wie Glasobjekten (\u201efedern\u201c), Sicherheitsgurten (\u201ezwischen Schw\u00e4mmen und Steinen&#8230;\u201c), Holzlatten und Gurten (\u201eCorium Poetry\u201c) zeichnet sie in den Raum hinein. So funktionieren ihre Installationen wie Bilder. Indem sie zwischen Zwei- und Dreidimensionalit\u00e4t oszillieren forcieren sie das Eintauchen der Betrachter in Harriet Gro\u00df\u2019 heterotope Bildr\u00e4ume.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Immersive R\u00e4ume \u201ezwischen Schw\u00e4mmen und Steinen&#8230;\u201c\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Diese Bildr\u00e4ume bestechen durch ihre immersive [4] Wirkung. Das Lesen bestimmter Formationen wie z.B. einer Schlange wartender Menschen vor einem Geb\u00e4ude oder auch individuelle Deutungen abstrahierter Formen evoziert neben Assoziationen bestimmte Emotionen. Dieses Pendeln zwischen gegenst\u00e4ndlicher Distanz und visuellem Eintauchen, so Ralph Ubl, zwischen objektivem und subjektivem \u201aErkennen\u2019, so m\u00f6chte ich hinzuf\u00fcgen, realisiert Harriet Gro\u00df, indem sie ihre Zeichnungen im Ausstellungsraum \u201ein eine Dimension motorisch-k\u00f6rperlicher Erfahrbarkeit\u201c \u00fcberf\u00fchrt. [5]<\/p>\n<p>Beispielhaft deutlich wird dies in der Installation \u201ezwischen Schw\u00e4mmen und Steinen&#8230;\u201c, 2010.\u00a0 Sicherheitsgurte h\u00e4ngen in Schlaufen von der Decke tief in den Raum; zwischen ihnen schweben, so der erste Eindruck, vier schwarze Metallschnitte. Drei der Cut Outs bilden die l\u00f6chrige Struktur von Naturschw\u00e4mmen nach, durch das Material allerdings sehen sie aus wie Lavagestein. Der vierte Schnitt zeigt die auff\u00e4llig bestrumpften Beine einer auf einem Sofa liegenden Person, deren Kopf und Oberk\u00f6rper vollst\u00e4ndig verdeckt sind. Alle Elemente dieser Arbeit verbergen ebensoviel wie sie preisgeben. Das l\u00e4sst die Betrachtenden unmittelbar n\u00e4her heran und unversehens in die Installation eintreten, die einen Moment zuvor noch ein von au\u00dfen betrachtetes Bild war. Besonders die Gurte, die als Fortf\u00fchrung der schwarzen Schn\u00fcre ihrer Wandzeichnungen gelesen werden k\u00f6nnen, verwickeln die Betrachtenden Schlingpflanzen gleich in die uneindeutige, ambivalente Bilderlandschaft der Installation. Die amorphen por\u00f6sen Gebilde an den W\u00e4nden verbleiben irgendwo \u201ezwischen Schwamm und Stein\u201c; der Schnitt mit den Beinen mag ebenso sehr die Vorstellung einer \u00e4rmlichen Ersch\u00f6pfung evozieren wie auch eine laszive Szene andeuten; die zweifarbigen Gurte schlie\u00dflich muten an wie Filmstreifen mit Auslassungen und Leerstellen.<\/p>\n<p>Diese ambivalente Dynamik kennzeichnet auch ihre Installation \u201efedern\u201c, 2010.7. Mit Schnur, mundgeblasenen Glasobjekten, Metall und Lack zeigt Harriet Gro\u00df in einer leisen, poetischen Formulierung das Spannungsverh\u00e4ltnis zweier widerstrebender Bewegungen: das Federn aufeinander zu und voneinander weg.<\/p>\n<p>Ein schwarzer Eisenrahmen in Form eines verzogenen Trapez\u2019, wie ein Sprungbrett in 2,50 m H\u00f6he an der Wand montiert, tr\u00e4gt eine Platte, von der an Schn\u00fcren zehn verschiedene schwarze Glasobjekte h\u00e4ngen. Diesen \u201aTropfen\u2019 korrespondieren siebzehn auf einer Bodenplatte stehende, schwarze Formen; Stalaktiten und Stalagmiten gleich. An der Wand greift eine Schnurzeichnung die Form des Eisenrahmens und der Bodenplatte auf und zieht drei horizontale Ebenen ein, die zwischen den h\u00e4ngenden und den stehenden Formen zu schweben scheinen. Diese \u201aZwischenebenen\u2019 verleihen der Arbeit eine horizontale Bewegungsdynamik, die der immensen vertikalen Bewegung der scheinbar vor und zur\u00fcck federnden Objekte entspricht. Allerdings: So unbeweglich die nach der Glasschmelze erkalteten \u201aTropfen\u2019 so fest sind die nur gezeichneten Zwischenebenen auf der Wand fixiert; wir sitzen dem illusionistischen Effekt gut verknoteter Schn\u00fcre auf. Genau hier \u00fcberschreitet das Sehen die Grenzen des Faktischen, \u00f6ffnet sich der imagin\u00e4re Raum des M\u00f6glichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Formulierung einer Heterotopie: \u201eLichtung\u201c\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>\u201eLichtungen sind Stellen im Wald, wo Sehen wieder m\u00f6glich ist\u201c, so Harriet Gro\u00df zum Titel ihrer Arbeit \u201eLichtung\u201c . Um \u00fcberhaupt etwas sehen zu k\u00f6nnen muss der Betrachter zun\u00e4chst auf Abstand gehen zu dieser komplexen, sich \u00fcber mehrere W\u00e4nde und ein St\u00fcck Decke erstreckende Schnurzeichnung, in die Harriet Gro\u00df acht Schnitte eingeh\u00e4ngt hat. S\u00e4mtlich zeigt uns die K\u00fcnstlerin hier mehrdeutige Raumsituationen zwischen illusionistischem Effekt und der reinen Fl\u00e4chigkeit dreier parallel verlaufender Linien: vielleicht Pfosten oder T\u00fcrlaibung, vielleicht U-Balken oder Winkel. Sie oszillieren zwischen m\u00f6glicherweise real und definitiv fiktiv, zwischen plausibel und h\u00f6chst unwahrscheinlich. Darin rufen sie Lewis Carrolls \u201eAlice in Wonderland\u201c auf; wie bei Carroll kann man sich im Lesen dieser Zeichnung leicht verlieren, wird jedoch immer wieder zur\u00fcckgeholt von den Cut Outs, die Stoppern gleich den Fluss der Linien brechen. Wie Kapitel in einem Buch verfolgen die Schnitte ihre eigene Binnenerz\u00e4hlung; die Zeichnung bietet ihnen gleichsam das narrative Ger\u00fcst. Von links nach rechts gelesen finden sich die Cut Outs \u201eBaumhaus\u201c, \u201eVorstellung\u201c, \u201eIm Flug\u201c, \u201eTransfer\u201c, \u201eVerdichtung\u201c, \u201eam Weg\u201c und \u201eo.T.\u201c (alle 2009).<\/p>\n<p>\u201eBaumhaus\u201c zeigt ein Beispiel des Berliner sozialen Wohnungsbaus aus den 1970er Jahren, den \u201aSozialpalast\u2019 in der Sch\u00f6neberger Pallasstra\u00dfe. Gef\u00e4hrlich schr\u00e4g aufgebockt und auf einer Seite \u00fcberwuchert, erscheint das ehemalige Musterbeispiel modernen Wohnens, das in den 1990ern zu einem sozialen Brennpunkt verkam, wie ein d\u00fcsteres und schwer zu erklimmendes Baumhaus. In den letzten Jahren haben soziale und k\u00fcnstlerische Ma\u00dfnahmen einige positive Ver\u00e4nderungen herbeif\u00fchren k\u00f6nnen, nichtsdestotrotz kann der Wohnblock sehr schnell wieder zum Ghetto kippen.<\/p>\n<p>Auf dem Schnitt \u201eTransfer\u201c sieht man eine zwischen Mauern und hinter Absperrgittern gedr\u00e4ngte Menschenmenge vor einem kleinen Pavillon: Wartende an einem Grenz\u00fcbergang in der Hoffnung, hinein zu kommen \u2013 oder heraus, je nach Perspektive. \u201eVerdichtung\u201c zeigt einen Vorhang bzw. Mashrabiy [6], mithin das Sinnbild einer markierten Grenze zwischen zwei R\u00e4umen oder Sph\u00e4ren. Einerseits ein Sichtschutz erm\u00f6glichen Vorhang und Mashrabiy gleichwohl Blicke hindurch: Nah dran stehend kann man durchschauen ohne gesehen zu werden. Die Grenze ist hier eine einseitig durchl\u00e4ssige. Weitere Cut Outs wie z.B. \u201eam Weg\u201c oder \u201eo.T.\u201c zeigen ein undurchdringliches Geflecht von Pflanzen bzw. einen dichten Wurzelballen. Offensichtlich geht es bei der Arbeit \u201eLichtung\u201c um R\u00e4ume, die definiert werden von Strukturen, seien es konstruktive geometrische, soziale, politische oder organische. Und es geht um \u00dcberg\u00e4nge zwischen Zust\u00e4nden und Terrains respektive um die Blockaden solcher \u00dcberg\u00e4nge.<\/p>\n<p>\u201eLichtung\u201c ist auch eine Reaktion auf die rigide Abkapselungspolitik der Festung Europa, mithin eine kritische Reflexion der gesellschaftlichen und politischen Besetzung von R\u00e4umen. Harriet Gro\u00df\u2019 Arbeit positioniert sich im Diskurs um die Frage, wie sich ideologisch, \u00f6konomisch, politisch, kulturell motivierte Inklusion\/Exklusion in R\u00e4umen manifestiert. Ebenso sehr allerdings geht es darum, Raum zu \u00f6ffnen \u2013 wie ihre Wandzeichnung es tut. Leichtigkeit und Poesie sind die inkludierenden Gesten, mit denen Harriet Gro\u00df auf einem nichtfestschreibenden Dazwischen besteht. Mit ihnen schafft sie einen, um mit Michel Foucault zu sprechen, \u201aanderen Ort\u201c \u2013 mithin die M\u00f6glichkeit eines Aufenthaltes im <em>inframince.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>&#8222;Corium Poetry&#8220;, oder: der Riss in der Ordnung der Dinge\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>\u201eCorium Poetry\u201c besteht aus zahlreichen zun\u00e4chst heterogen scheinenden Elementen, die sich, vielfach mit einander verschr\u00e4nkt, zu einer dichten Rauminstallation f\u00fcgen. Das Lesen erfolgt im Uhrzeigersinn. Formale Bez\u00fcge leiten den Blick von den Bodenplatten \u00fcber die Parkettleisten und die zwischen den Schn\u00fcren wie schwebend eingewebten Cut Outs zu den gerollten Gurten. Die Zeichnung aus Platten, Leisten und Schn\u00fcren bindet alle Einzelteile in ein gro\u00dfes Narrativ ein, das vor allem vermittels der integrierten Objekte und ihrer Materialsprache funktioniert.<\/p>\n<p>Wie in anderen Werken arbeitete Harriet Gro\u00df hier mit Bedeutungstr\u00e4gern, i.e. mit Objekten, die einen bestimmten Gehalt transportieren. Dies sind z.B. die auf den Boden- platten liegenden von ihr\u00a0 \u2019 Bohrkerne\u2019 genannten Betonst\u00fccke, die zu der Zeit, als Harriet Gro\u00df im Atelierhaus am K\u00e4uzchensteig arbeitete, dort als T\u00fcrstopper verwendet wurden und die sie als Denkmal und Stein des Ansto\u00dfes gleicherma\u00dfen einsetzt. Die Gurte der Installation sind erneut Sicherheitsgurte mit ihrer Konnotation vermeintlicher oder tats\u00e4chlicher Sicherheit. Latten und Schn\u00fcre verweisen auf die Vermessung der Welt und auf das geometrisch-konstruktive Ger\u00fcst, das wir uns zu ihrem Verst\u00e4ndnis bauen. Mit diesem Ger\u00fcst strukturell verwoben sind zutiefst verunsichernde Schnitte und Br\u00fcche, wie wir sie in den beiden Cut Outs \u201eRiss\u201c und \u201eSch\u00e4rfung\u201c thematisiert finden als Kluft oder Riss zwischen verschiedenen Ordnungen.<\/p>\n<p>Der Titel tr\u00e4gt das Seine zum Narrativ bei. Neben anderen Bedeutungen bezeichnet der Begriff \u201aCorium\u2019 das geschmolzene Material, das in einem Kernreaktor bei einer Kernschmelze entsteht. Es ist eine lavaartige Mischung aus Kernbrennstoff, Steuerst\u00e4ben und Werkstoffen der betroffenen Teile des Reaktors. Corium ist hochreaktiv und kaum kontrollierbar. Im Verlauf der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima im M\u00e4rz 2011 kam es zu drei Kernschmelzen und in der Folge zur Bildung von Corium. Die Ersch\u00fctterung \u00fcber die Gef\u00e4hrdung unserer \u201asicheren\u2019 Welt; \u00fcber die Gefahren, die eine solche Hybris gegen\u00fcber der Sch\u00f6pfung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung nach sich zieht; \u00fcber den Riss, der sich durch unser Weltbild zieht, seitdem es nicht mehr kontrollierbar und beherrschbar erscheint \u2013 diese Ersch\u00fctterung d\u00fcrfte die Titelfindung ebenso motiviert haben wie die ambivalente Faszination, die von der Potenz des Corium ausstrahlt: \u201eein plumper Brocken, der aber alles birgt in sich, der dauernd unkontrolliert weiter reagiert; Dieses Unf\u00f6rmige und dieses Zu-allem-M\u00f6glichen-wieder-ausbrechen-K\u00f6nnende, das hat mich interessiert.\u201c [7]<\/p>\n<p>Mit \u201eCorium Poetry\u201c webt Harriet Gro\u00df ihre Gedanken und Kritik in eine lyrisch, assoziationsreich und subjektiv mit Versatzst\u00fccken von Objektivit\u00e4t spielende, poetische Form. Ihr Prozess des metaphorischen Durchwanderns heterotoper R\u00e4ume ist dabei durch ihre besondere Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber Schwellen, Markierungen oder Grenzziehungen charakterisiert; Schwellen, die solche R\u00e4ume \u00fcberhaupt erst definieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schwellen\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Es ist immer wieder das <em>Dazwischen <\/em>zwischen Realit\u00e4t und Fiktion, zwischen Zwei- und Dreidimensionalit\u00e4t, zwischen dem Innen und dem Au\u00dfen politischer, sozialer, kommunikativer, emotionaler R\u00e4ume sowie zwischen R\u00e4umen und Zust\u00e4nden, das Harriet Gro\u00df\u2019 Arbeiten ausmacht. Ob wir es mit einem Begriff aus der Kunst <em>inframince <\/em>nennen, mit der Psychoanalyse von \u201aRiss\u2019 sprechen oder es uns als Schwelle und \u00dcbergang vorstellen, unterschiedlich durchgespielt findet sich dieser Topos in allen ihren Werken. Was sie dabei interessiert ist die Qualit\u00e4t der Schwelle sowie das \u00dcberschreiten resp. Innehalten vor einer Schwelle. Das Wandern zwischen den Welten und Horizonten, das Unterwegs-Sein, das sich in Form von z.B. Schuhen in vielen ihrer Schnitte findet, dient immer auch dazu, Schwellen in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Harriet Gro\u00df in fr\u00fcheren Arbeiten Cut Outs wie \u201aBlicksammlungen\u2019 in Schnurzeichnungen setzte und ihre Wandzeichnungen damit als Erinnerungsr\u00e4ume, Gedanken- und Ideenr\u00e4ume definierte, so interessiert es sie heute zunehmend, direkt auf gesellschaftliche Ereignisse zu reagieren. So entstanden \u201eLichtung\u201c (2010) und \u201eCorium Poetry\u201c (2011) in der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Befund einer grundlegenden und weit reichenden Verunsicherung innerhalb der Gesellschaft. Mit Sicherheitsgurten, Sicherheitscodes (in \u201eRestrisiko\u201c) oder einem unentwirrbaren Kn\u00e4uel \u00a0 unter der Erdoberfl\u00e4che (in \u201eInnere Sicherheit\u201c) erstellt Harriet Gro\u00df analytische und mitunter apokalyptische Bilder vom Zustand unseres Seins, unserer <em>condition humaine.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>\u201eIch mache keine politische Kunst. Das ist einfach das, was mir durch den Kopf geht\u201c [8] kommentiert Harriet Gro\u00df ihre Arbeiten. \u00dcber die zweite H\u00e4lfte ihres Statements, ein typisch weibliches\u00a0 Tiefstapeln, k\u00f6nnte ein eigener Diskurs entwickelt werden \u2013 hier allerdings geht es mir um den ersten Teil, um den Satz \u201eIch mache keine politische Kunst\u201c. Ja, Harriet Gro\u00df macht nicht Kunst, um Politik zu betreiben \u2013 gleichzeitig aber ist sie ein politisch bewusster Mensch, dessen Kunst gerade, wenn es darum geht, zu untersuchen, in welchem Zustand sich eigentlich unsere Gesellschaft heute befindet, deutlich von diesem kritischen gesellschaftlichen Bewusstsein informiert ist und von daher sehr wohl politisch agiert. Als <em>homo sociologicus <\/em>f\u00fchrt Harriet Gro\u00df einen kritischen Diskurs \u00fcber die Welt, in der wir leben, \u2013 in ihrer Sprache: der Kunst, in poetischen und mitunter auch idiosynkratischen Formulierungen. F\u00fcr die K\u00fcnstlerin sind Krisen und gesellschaftliche Umbruchsituationen immer auch Ausl\u00f6ser, Thema und Katalysator k\u00fcnstlerischer Reflexionen. Damit solche Reflexionen fruchtbar werden, muss sich die Kunst entfernen vom Anekdotischen, sie kann sich frei machen vom Aktivistischen. Das ist der Weg, den Harriet Gro\u00df f\u00fcr sich gew\u00e4hlt hat.<\/p>\n<p>Mit ihren Raumzeichnungen geht sie ins <em>inframince, <\/em>in dieses so schwer zu fassende <em>Zwischen. <\/em>In Zwischenr\u00e4ume und \u2013zust\u00e4nde, die durch soziale, \u00f6konomische, pers\u00f6nliche, emotionale Schwellen oder auch Schwellen in der Kommunikation definiert werden. Dieses <em>inframince <\/em>eignet sich Harriet Gro\u00df in sehr produktiver Weise an, sie wandelt es zu einem Raum der Reflexion \u2013 und macht es f\u00fcr sich zu einem Ort der Kunst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Marcel Duchamp f\u00fchrte diese F\u00fcgung aus frz. infra = \u201aunter, weniger als\u2019 und mince = \u201ad\u00fcnn, fein, winzig, geringf\u00fcgig, belanglos, unbedeutend\u2019 1945 ein, parallel verwendete er in englischen Texten den Begriff \u201ainfra-thin\u2019, vgl. hierzu Succession Marcel Duchamp (Hrsg.),\u00a0<em>Marcel Duchamp. Notes. Avant-propos par Paul Matisse, pr\u00e9face par Pontus Hulten,\u00a0<\/em>Paris 1999 (Neuauflage des 1980 erstmalig vom Centre Georges Pompidou, Paris, herausgegebenen Bandes), sowie: Paul Matisse,\u00a0<em>Marcel Duchamp, Notes. Arranged and translated by Paul Matisse,\u00a0<\/em>Boston, 1983.<\/p>\n<p>[2] <em>Duchamp. Notes,\u00a0<\/em>Paris 1999, S. 21, Punkt 1;\u00a0<em>Duchamp. Notes,\u00a0<\/em>Boston 1983, S. 45.<\/p>\n<p>[3] Harriet Gro\u00df im Interview mit der Autorin Juli 2011.<\/p>\n<p>[4] Das konkrete leibliche oder das rein imaginative Eintreten in ein Medium bzw. der \u00dcbergang in den Raum des Bildes (= Immersion) ist m\u00f6glich in Panoramen, in den vermeintlich flachen Bildern eines Filmes oder auch in rein imaginativen R\u00e4umlichkeiten literarischer Fiktionen.<\/p>\n<p>[5] Ralph Ubl, \u201eSehschwellen. Zu den Arbeiten von Harriet Gro\u00df\u201c, 2002.<\/p>\n<p>[6] Fenstergitter, Sichtschutz, verbreitet im arabischen Raum.<\/p>\n<p>[7]\u00a0Harriet Gro\u00df in einem Interview mit der Autorin im Juli 2011.<\/p>\n<p>[8]\u00a0HG im Interview mit Autorin 7.7.2011.<\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dr. Silke Feldhof Die Idee von etwas kaum Wahrnehmbaren, das in jenen R\u00e4umen oder Zust\u00e4nden eines Dazwischen nistet, die sich so schwer fassen lassen \u2013 diese Idee beschreibt der von Marcel Duchamp gepr\u00e4gte Begriff \u201ainframince\u2019 [1] Der Akt des &hellip; <a href=\"http:\/\/www.harrietgross.com\/?page_id=292\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":23,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"text-template.php","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.harrietgross.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/292"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.harrietgross.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.harrietgross.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.harrietgross.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.harrietgross.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=292"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.harrietgross.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/292\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":299,"href":"http:\/\/www.harrietgross.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/292\/revisions\/299"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.harrietgross.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/23"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.harrietgross.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}